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Boulevardtheater als Bildungsinstitution in Bukarest





Mitten im Zentrum der rumänischen Hauptstadt Bukarest liegt am belebten Bulevard Magheru das Nottara Theater, eine Boulevard-Institution in der Theaterlandschaft des Landes.

Da das Napoleonische Theaterdekret von 1807 die Boulevardtheater als zweitrangig ansah, verlangte man von ihnen eine Spezialisierung auf bestimmte Genres. Dem schlossen sich andere europäische Städte wie Wien (mit den Wiener Vorstadttheatern) und Berlin (mit dem Königsstädtischen Theater) an. So kommt das, was im Allgemeinen das Genre Typische der Boulevardtheater ausmacht: das Boulevardstück, eine Art grobe Komödie, Burleske oder Schwank in der Vorstellung ihrer treuen Besucher. Da existiert wenig Unterschied zwischen Ost und West, von Paris bis Bukarest stehen allabendlich die Liebhaber Schlange.

„Das Nottara Theater wurde im Jahre 1947 unter dem Namen ?Armeetheater““ gegründet. Fünfzig Jahre ununterbrochener Erfahrung brachten dem Theater seine verdiente Beliebtheit und die Lebensdauer ? Als Mitglied der berühmtesten Kunstvereine in Rumänien, hat ? (das Haus) ? repräsentative Theaterstücke wichtiger klassischer und zeitgenössischer Verfasser der universalen und nationalen Schauspielkunst vorgeführt,“ heißt es im Reiseführer.

Dem will Generalmanagerin und Festivalchefin Marinela Tepes einerseits gerecht werden. Doch hat sie dem Einiges hinzugefügt, was den Rang des Hauses seit den vergangenen Jahren positiv gesteigert hat.
Im Französischen hat „Boulevardtheater“ nicht den negativen Anstrich, den es in Deutschland besitzt, und kann sich auf aktuelles Zeittheater in einem respektablen Rahmen beziehen. Paris und Bukarest sind in Vielem ganz nah und historisch eng beieinander. Genau darauf hin hat das „FESTin pe Bulevard“ seine Aktivitäten ausgerichtet und in 2017 die fünfte Festival-Ausgabe ausgerichtet. Jahr für Jahr umfangreicher und breiter gefächertes Angebote lässt das eher „überkommene“ Nationale Theaterfestival FNT neidisch werden.

Wer braucht denn heutzutage in einem vereinigten Europa so viel Nationales? „Die rumänische Theatervereinigung UNITER und ihre an Selbstüberschätzung kaum zu übertreffende Festivalchefin feiern sich in Pyrrhussiegen, ganz offensichtlich nach außen bestens abgeschottet, im Glücksgefühl eigener Größe“, so hört man immer wieder von diversen Theaterchefs, die aber nicht genannt werden wollen, da sie um ihre Teilhabe am FNT fürchten müssen.

Das Nottara Festival öffnet sich kontinuierlich, sucht nach internationalen Beiträgen und scheut nicht, ausländische Presse und Beobachter hinzu zu bitten. Dies düpiert regelmäßig die „Dinosaurier“ unter den rumänischen Theaterkritikern, bringt jedoch andererseits internationalen Zuspruch und ausländische Besucher.

In diesem Jahr fanden also u.a. deutsche und schwedische Repräsentanten und Verantwortliche für Jugendtheater den Weg nach Bukarest. Das Festival hatte diese Sparte mit illustren Produktionen breit angefüllt.

Bildungsansätze im Festival 2017
Daraus exemplarisch drei Stücke unterschiedlicher Provenienz, die aufzeigen, wie die FESTin pe Bulevard Verantwortlichen zukunftsorientiert gezielt auf ein junges Publikum zugehen.

WEIßBROTMUSIK von Sasha Marianna Salzmann der Berliner Theatergruppe STRAHL in der Regie von Nick Hartnagel: In knappen, schnellen Szenenfolgen und Wechsel von Charakteren liefert die Truppe einen recht aktuellen Beitrag über Welt und Umwelt junger Menschen mit Migrationshintergrund. Zunehmende Aggression im Alltag wird lebend und echt, wenn ein alter „Penner“ aus der ersten Reihe mit nationalistischen Parolen die Vorstellung stört, dann beruhigt, aber am Schluss urplötzlich von der beiden männlichen Darstellern angegriffen und massiv verletzt zu Boden geprügelt wird.
Hyperrealistisches Theater, das Fragen aufwirft: „War der Alte nicht total unsympathisch? Kann man nicht doch auch die beiden Freunde verstehen?“ Das Stück macht es den Zuschauern nicht leicht, für eine Seite Partei zu ergreifen. Gut so und richtig im Jugendtheater. Unterforderung wäre bei den jugendlichen Besuchern nicht angebracht. Moralin vergrault die Jugend bloß.

Die jungen Besucher, zumeist aus der deutschen Schule in Bukarest, haben verstanden. Ihre Neugierde ist geweckt.
Nur die ewig Gestrigen, die rumänischen Kritiker, verlassen diese Vorstellung vergrault. Sie sind nicht gewillt dazu zu lernen, Migration ist für sie kein Thema. Doch haben sie dabei die unzähligen Landsleute vergessen, die als Migranten mit enormen Problemen in Europa leben.

Ein Lob an Narcisa Mocanu für den Mut, dieses Stück auszuwählen und durchzusetzen. Bei einem internationalen Festival dürfen die Rumänen begreifen, über den Weg von Weitsicht ihre eigene Situation in Europa in Betracht zu ziehen. Kein einfaches Unterfangen.

In EXPLOZIV der Autorin Elise Wilk geht es da schon anders zu. Im Milieu, das einer amerikanischen Highschool-Musical-Soap entliehen zu sein scheint, finden die Besucher sich wieder. Sie sind zu Tränen gerührt, denn sie kennen ja alle diese pubertierenden Söhne und Töchter, die sich an- und untereinander reiben und ihre Kräfte messen. Hier versteht der Durchschnittsrumäne die Welt und wäre ja so gerne angesiedelt im rosaroten Schein und Sein, fern jeder Realität. Hier genießt man offensichtlich, die hausgemachten Teenager-Probleme nachbarschaftswirksam in der Vorstellung und der anschließenden Diskussion ausbreiten.

Sind das wirkliche Probleme heranwachsender rumänischer Jugendlicher? Oder führt man hier von Pädagogen begleitet Scharen von Schülern in die vergnügliche US-Welt von Barbie und Co.? Die Jugendlichen klopfen sich vor Begeisterung auf die Schenkel, die Kritiker jubeln.
Elise Wilk wurde sehr gekonnt, pointen- und temporeich (mit einer angemalten Schwarzen, in der Art von Minstrelshow-Revue der 40er Jahre die Gesänge der Schwarzen verulkend und auf sarkastische Art und Weise so ihr Publikum unterhaltend) vom jungen Andrej Majeri (produziert vom Nationaltheater Craiova) in Szene gesetzt. Majeri besitzt Kraft und Auge fürs Publikum, was eine Karriere in Rumänien erwarten lassen. Und so darf am Bulevard Magheru dann auch Boulevard für die „Next Generation“ nicht fehlen.

„20. November“ – verdrängte Realität
Als ein Schüler im November 2006 im deutschen Emsdetten Lehrer und Mitschüler durch Schüsse verletzte und sich anschließend selbst tötete, gab es Aufzeichnungen im Internet. „Sebastian“ führte ein Online-Tagebuch, Aussagen von Mitschülern deuteten den Amoklauf an. Dass der junge Mann dem Mobbing schutzlos ausgeliefert war, nahm man nicht ernst. Dieses Material wählte Lars Norén als Grundlage für einen Monolog:

Sehr eloquent und eindringlich berichten Schauspieler Ali Deac und Regisseur Eugen Jebeleanu in ihrer Fassung des Stücks (produziert vom Nationaltheater Sibiu) von einem Leben als Außenseiter, vom Mobbing in der Schule, überforderten Lehrern, andauernden Demütigungen. Basierend auf Noréns Text entwickeln die Beiden Porträt und Psychogramm eines Täters, der in seiner Ohnmacht und Wut durch gut gemeinte Beschwichtigungsversuche, auch durch Appelle an Vernunft und Geduld nicht mehr aufzuhalten ist. Der Protagonist denkt zunehmend an einen Amoklauf. Er begeht hier dann Selbstmord.

Ein überaus bedeutender Beitrag des Festivals in Sachen Theater für die Jugend. Hier sind Eltern und Jugendliche direkt angesprochen, frühzeitig den Dialog zu suchen, denn Mobbing war und ist ein aktuelles Thema, was hohe Suizidraten an Schulen weltweit beweisen.

Jebeleanu gehört zu den Protagonisten des jungen, neuen rumänischen Theaters, das seine Aufgabe im sozialen, politischen Bereich und den unterschiedlichen Massenmedien sucht und diese auf die Bühne bringt. „Alltagsmeldungen über die Menschen liefern den aktuellen Stoff, der dann zu Theater transformiert dazu beitragen kann, Empathie für diese Menschen rund um uns herum zu entwickeln.“

Leider versagen hier sowohl Teile der rumänischen Theaterkritik ebenso wie Eltern, die dieses Thema vollkommen realitätsfremd weit von sich weisen. Umso effizienter, dass Theater und Festival eine wichtige Diskussion im nebulösen Grau des sozialen Umfelds in Rumänien anstoßen. Theater wird zum psychologischen Ventil dieser sozialen Komponente, Theater erfüllt seine Aufgabe als realitätsbezogene Bildungsinstitution.

Marinela Tepus präsentiert 2017 ein umfangreiches Festivalprogramm, lockt mit Stücken von Saint-Exupéry bis Shakespeare in modernen Neuinszenierungen junge Menschen in das Nottara Theater. Geschickt hat ihre Crew, die zunehmend aus jüngeren Mitarbeitern und Beratern besteht, den Schritt in eine Öffnung des Hauses auf die Jugend zugehend konzipiert, indem sie Theater als pädagogische Institution versteht. Damit kann über ein Festival hinaus die Sparte „Boulevard mit zeitgenössischen Aspekten“ in Bukarest einer Zukunft mit guter Auslastung des Theaters entgegen sehen. Man darf auf FESTin pe Bulevard 2018 gespannt sein. (www.nottara.ro)

Kurz-URL: http://www.88news.de/?p=1543645

Erstellt von an 23 Okt 2017. geschrieben in Kultur. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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