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fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft: «Plattformisierung» und Scheinvielfalt in der Netzöffentlichkeit





Der Newskonsum erfolgt auch in der Schweiz immer
stärker über digitale Kanäle. Statt mit den tatsächlichen Produzenten
wird Information allerdings zunehmend mit den Plattformen von
Tech-Intermediären wie Facebook und Google verbunden. Diese
«Plattformisierung» setzt den professionellen
Informationsjournalismus qualitativ wie finanziell stark unter Druck.
Gleichzeitig entpuppt sich die Vorstellung einer unbegrenzten
Netzöffentlichkeit, die eine neue Vielfalt an relevanten
Informationsmedien hervorbringt, als Trugschluss. Zwar existieren
neben den marktdominanten Newssites zahlreiche Webpublikationen mit
Informationsanspruch. Deren Nutzerkreis ist aber gering und lange
nicht alle diese Anbieter orientieren sich an journalistischen
Qualitätsstandards.

Der Schweizer Markt für digitale News ist hoch konzentriert. In
der Deutschschweiz kontrollieren die drei Medienhäuser Tamedia AG,
Ringier AG und die SRG SSR bereits 71% des Online-Lesermarktes. In
der Suisse romande und in der Svizzera italiana verfügen die jeweils
«grössten Drei» über einen Marktanteil von gar 88%. Nur wenige
Informationsanbieter können sich den Aufbau und den Unterhalt einer
digitalen Informationsplattform leisten, die das Potenzial hat, ein
Massenpublikum zu erreichen. Zu diesen und weiteren Befunden kommt
das fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der
Universität Zürich in seiner achten Ausgabe des Jahrbuchs Qualität
der Medien.

Alternative Medien profitieren von Tech-Giganten

Die oft beschworene neue Vielfalt im Netz erweist sich als
Scheinvielfalt. Im Schatten der marktdominierenden Newssites entstand
zwar eine Reihe neuer digitaler Angebote mit Informationsanspruch.
Deren Reichweite bleibt aber gering und nur wenige Anbieter weisen
ein qualitätsorientiertes Profil auf. Beispiele dafür sind
infosperber.ch, tsri.ch oder zentralplus.ch. Neue alternative Medien
wie uncut-news.ch, alles-schallundrauch.blogspot.ch oder legitim.ch
richten sich hingegen direkt gegen einen angeblichen «Mainstream» in
Gesellschaft und Medien und halten nur bedingt journalistische
Qualitätsregeln ein. Die Nutzung dieser Websites ist in der Schweiz
noch beschränkt. Partiell erreichen diese alternativen Medien aber
immerhin Reichweiten, die an jene der oben genannten
Informationsangebote mit Qualitätsanspruch heranreichen. Durch die
Nutzung von Plattformen wie Youtube und Facebook gelingt es den
alternativen Medien zudem fallweise, sich mit einzelnen Beiträgen
breit Gehör zu verschaffen. So erzielte der reichweitenstärkste
Beitrag auf der Facebook-Seite von legitim.ch beinahe 4““000
Nutzerreaktionen – ein Wert, den selbst professionelle Schweizer
Informationsmedien nicht oft erreichen. Das Angebot uncut-news.ch
setzt auf Youtube und ist mit gesamthaft 33 Mio. Aufrufen ähnlich
stark frequentiert wie der meistgenutzte Youtube-Informationskanal
von SRF (37 Mio. Aufrufe).

«Plattformisierung» setzt den professionellen
Informationsjournalismus unter Druck

Der Newskonsum findet auch in der Schweiz immer mehr über digitale
Kanäle statt. Newssites oder Social Media sind bereits heute für 41%
der Schweizerinnen und Schweizer die Hauptquelle für Information. Je
jünger das Publikum, desto grössere Bedeutung haben Plattformen wie
Facebook oder Google. Bereits 40% der 18- 24-Jährigen steuert für den
Newskonsum hauptsächlich Social-Media-Plattformen oder Suchmaschinen
an und verzichtet auf den direkten Zugriffsweg über die Newssite. So
verbinden Nutzer konsumierte News immer mehr mit den Plattformen der
Tech-Intermediäre anstatt mit den tatsächlichen Produzenten der
Inhalte. Diese Entwicklung führt erstens zu einer Schwächung der
etablierten Medienmarken. Zweitens fliesst der Grossteil der
Werbeerträge zu den globalen Tech-Intermediären und schwächt damit
zusätzlich die ohnehin schon prekäre Finanzierungsbasis der Schweizer
Informationsmedien.

Qualität professioneller, journalistischer Newssites steigt

Die Berichterstattungsqualität professioneller Schweizer
Informationsmedien bleibt vergleichsweise hoch und nimmt tendenziell
sogar zu. Die Newssites der Abonnementspresse, aber auch der
Pendlerpresse können ihre Qualitätswerte seit 2014 kontinuierlich
verbessern. Mit 6,3 von maximal 10 Scorepunkten liefern die Newssites
der Abonnementspresse im Jahr 2016 im Schnitt nur mehr geringfügig
niedrigere Qualität als die gedruckten Pendants mit 6,6 Scorepunkten.
Die Pendlerangebote erzielen Online (5,0) signifikant höhere
Qualitätsscores als Offline (4,7 Scorepunkte).

Facebook drückt die Qualität

Neu sind auch die Facebook-Seiten von reichweitenstarken
Medienanbietern Teil der Qualitätsanalyse. Das Qualitätsniveau einer
Medienmarke kann auf Facebook im Regelfall nicht gehalten werden.
Lediglich bei der NZZ ist die Qualität des Facebook-Angebots höher
als jenes auf der Newssite (+0,4 Scorepunkte). Die übrigen 13
untersuchten Informationsanbieter kreieren ein Facebook-Angebot, das
in der Regel qualitativ niedriger ist als jenes auf der
korrespondierenden Newssite. Facebook ist ein Emotionsmedium.
Entsprechend sind Softnews und Infotainment hier deutlich
übervertreten. Plattformen wie Facebook begünstigen demzufolge
Beiträge niedriger Qualität.

Untersuchungsanlage, Methodik und weiterführende Informationen

Die Analysen des Jahrbuchs basieren auf folgenden Daten:

Inhaltsanalyse:

Die Bewertung der Berichterstattungsqualität basiert auf einer
Zufallsstichprobe aus dem Jahr 2016. Insgesamt wurden 28““214 Beiträge
aus 79 reichweitenstarken Informationsangeboten aus der
Deutschschweiz, der Suisse romande und der Svizzera italiana
untersucht. Neu wurden auch die Facebook-Seiten reichweitenstarker
Informationsangebote berücksichtigt. Leitend für die Qualitätsanalyse
sind die Dimensionen Relevanz, Vielfalt, Einordnungsleistung und
Professionalität.

Publikumsbefragungen:

Das fög ist Schweizer Partnerorganisation der internationalen
Studie «Reuters Digital News Report». Der jährlich erscheinende
Bericht umfasst Umfragedaten zum Mediennutzungsverhalten des
Publikums in 36 Ländern (über 70““000 Interviews). In der
Deutschschweiz und in der Suisse romande wurden Internetnutzer ab 18
Jahren befragt.

Kennwerte aus der Medienbranche:

Um die Veränderung der Nutzung, der Finanzierung und der
Besitzverhältnisse von Informationsmedien analysieren zu können,
werden Sekundärdaten verwendet. Quellen sind WEMF, Net-Metrix,
Mediapulse, Media Focus, Stiftung Webestatistik Schweiz, Netvizz
sowie Similarweb.

Jahrbuch 2017 Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera

Seit seinem erstmaligen Erscheinen im Jahr 2010 ist das Ziel des
Jahrbuchs, die Diskussion über die Qualität der Medien zu vertiefen
und zu einer Verbesserung ihrer Qualität beizutragen. Es bildet eine
Quelle für Medienschaffende, Akteure aus Politik und Wirtschaft, für
die Wissenschaft und alle Interessierten, die sich mit der
Entwicklung der Medien und ihren Inhalten auseinandersetzen. Anstoss
für das Jahrbuch ist die Einsicht, dass die Qualität der Demokratie
von der Qualität medienvermittelter Öffentlichkeit abhängt. Durch das
Jahrbuch erhält das Publikum einen Massstab, welchem Journalismus es
sich aussetzen will, die Medienmacher erhalten einen Massstab,
welchen Journalismus sie produzieren und verantworten wollen, und die
Politik erhält Einsicht in die Entwicklung des Medienwesens und in
die Ressourcen, die dem Informationsjournalismus in der Schweiz zur
Verfügung stehen.

Wer zeichnet für dieses Jahrbuch verantwortlich?

Das Jahrbuch wird erarbeitet und herausgegeben durch das fög –
Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität
Zürich (www.foeg.uzh.ch). Neun wissenschaftliche und sieben
studentische Mitarbeitende sind an der Forschung beteiligt und
garantieren die Qualität der Analysen.

Wer finanziert und unterstützt dieses Jahrbuch?

Die Finanzierung des Jahrbuchs wird durch die gemeinnützige Kurt
Imhof Stiftung für Medienqualität (www.kurt-imhof-stiftung.ch) und
die Universität Zürich eingebracht. Der Stiftungsrat setzt sich
zusammen aus: Christine Egerszegi-Obrist, Mark Eisenegger, Barbara
Käch, Yves Kugelmann, Fabio Lo Verso, Dick Marty, Oswald Sigg und
Peter Studer.

Die Stiftung verdankt die Mittel für das Projekt folgenden
Donatoren: Adolf und Mary Mil-Stiftung, AZ Medien AG, BAKOM Bundesamt
für Kommunikation, Die Schweizerische Post AG, Fondazione per il
Corriere del Ticino, Verband Interpharma, Paul Schiller Stiftung,
NZZ-Mediengruppe, Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft
AG, Ringier AG, Somedia AG, Verband Medien mit Zukunft, Zürcher
Kantonalbank und verschiedenen Einzeldonatoren.

Beiträge für die Kurt Imhof Stiftung für Medienqualität können
überwiesen werden auf die Bankverbindung: ZKB Zürich-Oerlikon –
Kontonummer: 1100-1997.531 – Postkonto Bank: 80-151-4, IBAN: CH28
0070 0110 0019 9753 1, Bankenclearing-Nr. 700, SWIFT: ZKBKCHZZ80A.

Wo ist das Jahrbuch erhältlich?

Das Jahrbuch ist in gedruckter Form (ISBN 978-3-7965-3695-3) und
zusätzlich als E-Book (ISBN 978-3-7965-3712-2) beim Schwabe Verlag
(www.schwabeverlag.ch) erhältlich und erscheint jeweils im Herbst.

Pressekontakt:
fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich
Andreasstrasse 15
CH-8050 Zürich
Tel. +41 (0)44 635 21 11
E-Mail kontakt@foeg.uzh.ch

Original-Content von: fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, übermittelt durch news aktuell

Kurz-URL: http://www.88news.de/?p=1543527

Erstellt von an 23 Okt 2017. geschrieben in Telekommunikation. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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