Home » Sport/Fitness » Mittelbayerische Zeitung: Kreditwürdig / Beim SSV Jahn Regensburg ging es zuletzt nur nach oben. Nun wird die Luft dünner. Höhenangst muss dennoch keiner haben. Leitartikel von Jürgen Scharf

Mittelbayerische Zeitung: Kreditwürdig / Beim SSV Jahn Regensburg ging es zuletzt nur nach oben. Nun wird die Luft dünner. Höhenangst muss dennoch keiner haben. Leitartikel von Jürgen Scharf





Am Samstag geht es los. Die Fußballer des SSV
Jahn Regensburg starten ins Abenteuer 2. Liga. Wieder einmal. 2003
und 2012 hatten die Oberpfälzer ebenfalls den Aufstieg geschafft.
Damals wurde das Abenteuer allerdings jeweils zum Albtraum. Nach ein
paar Niederlagen waren alle Treueschwüre vergessen. Trainer und
Spieler mussten gehen. Weil die Neuen es aber auch nicht besser
machten, tobten die Fans. Nach dem Abstieg waren dann sowieso alle
weg und es musste komplett neu aufgebaut werden. Wenn es die
Regensburger schaffen, alleine einen derartigen Totalschaden dieses
Mal zu vermeiden, wäre schon viel gewonnen. Unzählige Male sind
Sportchef Christian Keller und der damalige Trainer Heiko Herrlich
vergangene Saison gefragt worden, welches Ziel sich der Klub
eigentlich gesetzt hat. Immer haben sie geantwortet, dass es alleine
um den Klassenerhalt in der 3. Liga geht. Selbst als der Jahn längst
ein heißer Aufstiegskandidat war, rückten sie davon nicht ab. Völlig
zu Recht übrigens. Vor nur etwas mehr als einem Jahr spielten die
Regensburger noch in der Regionalliga, bei den Amateuren. Die
Entwicklung danach war rasend. Zwei Aufstiege hintereinander. Ein
Durchmarsch, der bundesweit bewundert wurde. Ging alles sogar zu
schnell? Kommt die zweithöchste deutsche Spielklasse für den Jahn ein
oder zwei Jahre zu früh? Nein! Aufstiege sind nicht planbar, sie
passieren einfach, wie so vieles im Fußball. Zwar wird oft davon
geredet, Mannschaften langfristig aufbauen zu wollen – das klappt
aber eigentlich nie. Bei Erfolg werden die besten Spieler weggekauft,
bei Misserfolg werden sie davongejagt. So läuft das Geschäft.
Deswegen kommt es schlicht und einfach immer wieder aufs Neue darauf
an, aus dem Hier und Jetzt das Beste machen. Das ist die große Kunst.
2003 und 2012 ging das beim Jahn allerdings mächtig schief. Würde man
alle Spieler, die in den letzten beiden Zweitligaspielzeiten bei den
Regensburgern unter Vertrag standen, zu einem gemeinsam Mittagessen
einladen, sollte man vorsichtshalber einen ganz großen Raum buchen.
In beiden Spielzeiten tauschten die Regensburger während der Saison
in der Angst vor dem drohenden Abstieg nahezu die komplette
Mannschaft aus – und die Trainer sowieso. Die Scherbenhaufen, die
dann nach der Saison herumlagen, durften andere zusammenkehren.
Hoffentlich zeigen die, die nunmehr beim Jahn am Ruder sind, in
kritischen Situationen mehr Ruhe und Übersicht. Der Rückblick in die
Vergangenheit darf aber natürlich kein Freibrief für die aktuelle
Mannschaft sein, unterirdische Leistungen zu zeigen. Der Jahn ist
kein Gaudi-Klub. Alles geben, alles probieren und um jeden Preis
versuchen, die Klasse zu halten – es versteht sich von selbst, dass
diese Tugenden verlangt werden. Die Frage ist nur, was passiert, wenn
es dennoch nicht reichen sollte. Ist dann der Kredit sofort
aufgebraucht? Gibt es dann wieder Proteste, Wut und Tränen?
Hoffentlich nicht. Dass der Jahn in der 2. Liga spielt, ist zunächst
einmal eine Zugabe. Die Spieler sind vergangene Saison über sich
hinausgewachsen und haben etwas geschafft, das ihnen niemand
zugetraut hätte. Einige von ihnen haben noch nie in der 2. Liga
gespielt. Nun sollten sie von den Funktionären und auch den Fans eine
faire Chance erhalten, sich an die neuen Anforderungen zu gewöhnen.
Die größte Macht werden ohnehin die Fans haben. Wenn die Mannschaft
alles gibt, aber dennoch verliert und dann ausgebuht wird, dürfte das
die Misere nur noch vergrößern. Wenn sich die Spieler dagegen darauf
verlassen können, dass ihre Anhänger ihnen etwas Zeit geben, auf
Rückschläge zu reagieren, könnte am Ende wirklich der nächste
Riesenerfolg rausspringen: der Klassenerhalt in der 2. Liga. Der Klub
hat sich in den vergangenen zwei Spielzeiten viel aufgebaut. Er steht
nicht unter Druck, jetzt sofort das nächste Erfolgskapitel schreiben
zu müssen. Klubboss Hans Rothammer hat zuletzt überzeugend dargelegt,
dass es zunächst einmal das Ziel des Jahn sein müsse, auf Dauer zu
den besten 50 Mannschaften in Deutschland zu gehören. Da dazu auch
die Top-Teams der 3. Liga gehören, wäre ein Abstieg zunächst einmal
kein Beinbruch. Der SSV Jahn darf dadurch nur nicht komplett von
seinem Kurs, der ihm zuletzt so viel Erfolg eingebracht hat,
abkommen.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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nachrichten@mittelbayerische.de

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Erstellt von an 28 Jul 2017. geschrieben in Sport/Fitness. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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