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Rheinische Post: TK-Studie: Kassen stiften trotz gesetzlichen BeeinflussungsverbotsÄrzte zu schwerwiegenden Krankheitsdiagnosen an





Trotz des gesetzlichen Beeinflussungsverbotes
versuchen Krankenkassen aus Geldgründen immer wieder, Ärzte zu
schwerwiegenden Krankheitsdiagnosen für ihre Patienten zu bewegen.
Seit Inkrafttreten des Beeinflussungsverbots im April 2017 hat fast
jeder fünfte Mediziner (18,2 Prozent) diese Erfahrung gemacht. Dies
geht aus einer noch unveröffentlichten, von der Techniker
Krankenkasse in Auftrag gegebenen Studie unter 1000 Praxis-Medizinern
hervor, die der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“
(Samstagausgabe) in Auszügen vorliegt. Je kritischer das
Krankheitsbild ist, desto mehr Geld erhalten die Kassen aus dem Topf
der Krankenkassenbeiträge. Mit Blick auf frühere Einflussnahme noch
vor Inkrafttreten des Gesetzes sagte der Chef Techniker-Kasse, Jens
Baas, der „Rheinischen Post“: „Zu meiner großen Überraschung geben
82 Prozent der Ärzte an, dass sie schon einmal bei der Kodierung von
Krankenkassen beeinflusst wurden.“ Befragt wurden von Ende August bis
zum 20. Oktober Allgemeinmediziner, praktische Ärzte und Internisten
ohne Schwerpunkt durch „DocCheck Medical Services“. „Die häufigsten
Einflussnahmen der Krankenkassen auf die Ärzte erfolgt bei jenen
Krankheiten, bei denen es Interpretationsspielräume gibt und wo
bestimmte Kodierungen den Kassen Geld bringen“, sagte Baas. In der
Umfrage sollten die Ärzte auch angeben, bei welchen Krankheiten die
Kassen sie beeinflussen wollen. So erlebten schon 63 Prozent der
Ärzte eine Einflussnahme beim Kreislaufsystem (zum Beispiel
Bluthochdruck), 59 Prozent bei Stoffwechselkrankheiten, wozu Diabetes
zählt, 42 Prozent beim Atmungssystem, wobei es unter anderem um
Asthma geht, und jeweils ein Drittel bei chronischen Schmerzen und
psychischen Erkrankungen. Baas machte auch auf die Folgen für
Patienten aufmerksam: „Noch immer setzen die Kassen viel Energie und
Geld ein, um Kodierungen zu erhalten, die ihnen hohe Geldzuweisungen
einbringen“, sagte Baas. Dafür seien die Versicherten-Gelder aber
nicht da. Die Einflussnahme der Kassen könne dazu führen, „dass für
Patienten Krankheiten dokumentiert werden, an denen sie nicht
leiden“. Baas warnt vor einem existenziellen Problem: „Wenn jemand
auf dem Papier die Diagnose Depression erhält, obwohl er nur eine
depressive Verstimmung hat und dann beim Abschluss einer
Berufsunfähigkeitsversicherung auch keine Depression angibt, kann das
im Falle des Falles zum Verlust des Versicherungsschutzes führen.“
Der TK-Chef betonte, er lege seine Hand dafür ins Feuer, dass seine
Kasse nichts Illegales tue und dass man niemanden dazu anleite,
Patienten auf dem Papier kränker zu machen, als sie seien.

Zum Hintergrund der komplette Text:

Immer wieder versuchen Krankenkassen, auf die Diagnosen von Ärzten
Einfluss zu nehmen. Das belegt eine noch unveröffentlichte, von der
Techniker-Krankenkasse in Auftrag gegebene Studie unter 1000
Praxismedizinern. „Zu meiner großen Überraschung geben 82 Prozent der
Ärzte an, dass sie schon einmal von Krankenkassen bei der Kodierung
beeinflusst wurden“, sagte der Chef der Techniker-Kasse, Jens Baas,
unserer Redaktion. Kodierung bezeichnet die Übersetzung einer
ärztlichen Diagnose in einen Code der Krankenkasse. Befragt wurden
von Ende August bis zum 20. Oktober Allgemeinmediziner, praktische
Ärzte und Internisten ohne Schwerpunkt durch den Dienst „Doc Check
Medical Services“. Auch der Gesetzgeber hat das Vorgehen der Kassen
als Missstand erkannt. Seit April dieses Jahres ist die Beeinflussung
ausdrücklich verboten. Sie läuft aber weiter, wie die Umfrage zeigt.
Demnach gaben allein 18,2 Prozent der Ärzte an, dass Kassen sie nach
Inkrafttreten des Gesetzes beeinflusst hätten. Hochgerechnet
entspreche dies einer Zahl von 11.000 niedergelassenen Ärzten,
betonte Baas. Krankenkassen haben einen finanziellen Vorteil davon,
wenn die Versicherten auf dem Papier möglichst krank sind. Denn sie
erhalten ihre Geldzuweisungen aus dem Topf der Krankenkassenbeiträge
nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand ihrer Versicherten. Für
einen Asthma-Patienten gibt es zum Beispiel mehr Geld, als wenn der
Arzt eine einfachere Erkrankung der Luftwege kodiert. „Die häufigsten
Einflussnahmen der Krankenkassen auf die Ärzte erfolgen bei jenen
Krankheiten, bei denen es Interpretationsspielräume gibt und wo
bestimmte Kodierungen den Kassen Geld bringen“, sagte Baas. In der
Umfrage sollten die Ärzte auch angeben, in welchen Fällen die Kassen
sie beeinflussen wollen. So erlebten schon 63 Prozent der Ärzte eine
Einflussnahme bei Diagnosen, die das Kreislaufsystem betreffen (dazu
zählt auch Bluthochdruck), 59 Prozent bei Stoffwechselkrankheiten,
wozu Diabetes zählt, 42 Prozent beim Atmungssystem, wobei es auch um
Asthma geht, und je ein Drittel bei chronischen Schmerzen und
psychischen Erkrankungen. Für die Patienten bleiben die Tricksereien
nicht folgenlos. „Noch immer setzen die Kassen viel Energie und Geld
ein, um Kodierungen zu erhalten, die ihnen hohe Geldzuweisungen
einbringen“, sagte Baas. Dafür seien die Versichertengelder aber
nicht da. Die Einflussnahme der Kassen könne dazu führen, „dass für
Patienten Krankheiten dokumentiert werden, an denen sie nicht
leiden“. Baas warnt vor einem existenziellen Problem: „Wenn jemand
auf dem Papier die Diagnose Depression erhält, obwohl er nur eine
depressive Verstimmung hat, und dann beim Abschluss einer
Berufsunfähigkeitsversicherung auch keine Depression angibt, kann das
im Falle des Falles zum Verlust des Versicherungsschutzes führen.“
Der TK-Chef betonte, er lege seine Hand dafür ins Feuer, dass seine
Kasse nichts Illegales tue und dass man niemanden dazu anleite,
Patienten auf dem Papier kränker zu machen, als sie seien. Die Kassen
treten auf unterschiedliche Art an die Ärzte heran. Teils sprechen
sie sie persönlich an, teils schließen sie mit den Ärzten eigene
Verträge über die Versorgung bestimmter Patientengruppen. Dann
erhalten die Ärzte oft auch eine Praxissoftware, die im Sinne der
Kassen die Kodierung vornimmt. Baas fordert, das Verbot der
Beeinflussung besser zu kontrollieren: „Besonders schwierig ist das
bei der Praxissoftware.“ Er will auch, dass die großen
Volkskrankheiten nicht mehr so stark gewichtet werden: „Das macht das
System so manipulationsanfällig.“ Das System der Geldzuweisungen nach
Krankheitsbildern gibt es seit 2009. Es ist umstritten, seitdem es
existiert. Die Techniker-Krankenkasse, die ein eher jüngeres und
gesünderes Publikum hat, profitiert von dem Ausgleichssystem weniger
als beispielsweise die AOK. Erst vor zwei Wochen wurde ein
wissenschaftliches Gutachten veröffentlicht, wonach noch mehr
Krankheiten für die Geldzuweisungen an die Kassen zugrunde gelegt
werden sollten. Während der AOK-Bundesverband das Gutachten begrüßte,
kritisierte die Techniker-Kasse, eine solche Reform würde noch mehr
Fehlanreize schaffen.

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Rheinische Post
Redaktion

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Original-Content von: Rheinische Post, übermittelt durch news aktuell

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Erstellt von an 28 Okt 2017. geschrieben in Allgemein. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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