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Didacta 2015: Schluss mit Schleichwerbung in der Schule! / foodwatch fordert kostenfreie Abgabe von staatlich finanziertem Unterrichtsmaterial für Ernährungsbildung an Lehrer und Schulen





Vor dem Beginn der Bildungsmesse Didacta
am Dienstag in Hannover hat die Verbraucherorganisation foodwatch
eine kostenlose Abgabe von staatlich finanzierten
Unterrichtsmaterialien an Lehrer und Schulen gefordert. Zwar gebe es
für die Ernährungsbildung über alle Klassenstufen hinweg
hervorragendes, unabhängig erstelltes Material, beispielsweise von
dem von der Bundesregierung finanzierten aid Infodienst. Dies können
Lehrer jedoch in der Regel nur gegen Gebühr bestellen –
Lebensmittelhersteller und Wirtschaftsverbände geben ihre oft stark
werblichen oder interessensgeleiteten Broschüren dagegen kostenfrei
ab. Durch die kostenlosen Unterlagen werden schon kleine Kinder in
den Schulen direkten oder subtilen Werbe- und Lobbyeinflüssen
ausgesetzt.

„Es ist absurd, wenn Ernährungsbildung mithilfe von
Schleichwerbung der Lebensmittelindustrie gelehrt wird, weil Lehrer
neutrales Unterrichtsmaterial aus eigener Tasche bezahlen sollen.
Gerade in der Ernährungsbildung gibt es längst ausgewogenes und vom
Steuerzahler bereits finanziertes Material – das ist für Lehrer in
der Regel aber kostenpflichtig“, kritisierte Oliver Huizinga, Experte
für Lebensmittelmarketing bei foodwatch.

foodwatch forderte die Kultusminister der Länder auf, werbliche
bzw. von Lebensmittelunternehmen und -verbänden gesponserte
Materialien an ihren Schulen zu verbieten. Bund und Länder müssten
zudem eine Lösung dafür finden, dass die staatlich finanzierten
Materialien kostenfrei abgegeben werden. Unter
www.schule-aktion.foodwatch.de hat foodwatch eine
E-Mail-Protestaktion gestartet, mit der jeder die Forderung an die
Kultusminister der Bundesländer unterstützen kann. „Erste Stunde Bio
mit Ritter Sport, zweite Stunde Kochunterricht mit Dr. Oetker – so
darf Schule nicht funktionieren. Mit ihren kostenlosen
Lehrmaterialien schleichen sich Unternehmen schamlos in die
Klassenzimmer. Die Eltern sind gegen solche Einflüsse machtlos“, so
Oliver Huizinga.

Unternehmen und Verbände haben Schulmaterialien als eigene Werbe-
und Lobbykanäle erkannt: Ritter Sport bringt den Schülern mit seiner
Unterrichtsmappe bei: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass
Schokolade glücklich macht.“. Kellogg““s präsentiert eine ganz neue
Ernährungspyramide, in der die Frühstücksflocken des Unternehmens auf
eine Stufe mit Brot und Reis gestellt werden – obwohl viele Produkte
von Kellogg““s aufgrund des hohen Zuckergehalts von Experten stark
kritisiert werden. Kellogg““s empfiehlt das Material sogar „zur
Therapie bei übergewichtigen Kindern.“ Ausführliche Beispiele siehe
unten.g

Eine Analyse des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) hatte
2014 ergeben, dass Unterrichts-Materialien von Wirtschaftsunternehmen
nachweislich schlechter sind als die der öffentlichen Hand. Es käme
zu verkürzten oder einseitigen Darstellungen, wenn die Herausgeber
bestimmte Interessen verfolgen, zudem seien Produkt- und
Markenwerbung enthalten. Von 453 untersuchten Materialien erhielten
27 die Note „mangelhaft“. Davon stammten 20 aus der Wirtschaft (74
Prozent).

Mit ihren Werbemaßnahmen an Schulen binden Lebensmittelhersteller
schon die kleinsten Kunden an sich und machen ihnen dabei vor allem
Süßigkeiten oder Snacks schmackhaft; gleichzeitig wird diese Form der
Absatzförderung als „Engagement“ für die Bildung dargestellt,
kritisierte foodwatch. „Bildungsprojekte sind für Lebensmittelfirmen
nicht mehr als ein Feigenblatt, um von der eigenen Verantwortung für
Fehlernährung und Übergewicht bei Kindern abzulenken. Auf der einen
Seite versucht die Lebensmittelindustrie mit perfiden
Marketingmethoden sogar an Schulen, Kindern möglichst viel Junkfood
anzudrehen. Auf der anderen Seite inszenieren sich die Hersteller als
verantwortungsvolle Unternehmen, indem sie vermeintlich uneigennützig
Ernährungsbildung in der Schule unterstützen“, sagte
foodwatch-Experte Oliver Huizinga.

foodwatch hat suggestives Unterrichtsmaterial der
Lebensmittelbranche zusammengetragen – einige Beispiele:

– RITTER SPORT vertreibt eine Mappe, die etwa für den Biologie-
oder Geschichtsunterricht in Grundschulen geeignet sein soll.
Schokolade wird darin als „ein Stückchen Energie“ dargestellt,
das „schmerzlindernd“ und „gut für Herz und Kreislauf“ sei. „Die
Wissenschaft hat festgestellt, dass Schokolade glücklich macht.
Vielleicht hast du ja auch schon davon gehört“, heißt es unter
anderem. In den „Hinweisen zur Verwendung“ für Lehrer wird
empfohlen: „Hierfür bitte in ausreichender Menge
Schokoladenstückchen für die Schüler zur Verfügung stellen, am
besten auf Servietten, um das Schmelzen bzw. ““Schokoladenfinger““
zu vermeiden.“
– Die Firma BRANDT hat für ihre Unterrichtsmappe eigens die Figur
„Zwiebra“ entwickelt, die Kindern „viele lustige Spiele zeigen“
soll: „Weißt du, woher mein Name kommt? Richtig! Ich knabbere am
liebsten den ganzen Tag Zwieback von Brandt – das gibt ein
Zwiebra!“
– DR. OETKER lädt beispielsweise mit seiner Unterrichtsmappe
„Komm, Back mit!“ Kinder zum gemeinsamen Backen ein, damit
„Sozialverhalten, Zahlen- und Mengenverständnis, methodisches
Vorgehen und Küchenwissen“ vermittelt werden. Auf den
Arbeitsblättern für Erst- und Zweitklässler ist das Marken-Logo
aufgedruckt, die abgebildeten Kinder tragen Dr.Oetker-Schürzen,
in den Rezeptvorschlägen werden Dr.Oetker-Produkte empfohlen.
– KELLOG““S bietet unter anderem eine Malvorlage „für Kinder
zwischen 4 und 6 Jahren“ an, bei der eine Ernährungspyramide
ausgemalt werden soll. Mit dabei auf einer Stufe mit Brot,
Nudeln oder Reis: Eine Schüssel Kellogg““s Cerealien. Der
Hersteller empfiehlt die Malvorlage „für die allgemeine
Ernährungserziehung sowie begleitend zur Therapie bei
übergewichtigen Kindern.“ Dabei enthalten Kinderprodukte des
Herstellers im Mittel 32 Gramm Zucker pro 100 Gramm, wie ein
Marktcheck von foodwatch in 2012 ergab.
– Auch der Lobbyverband BLL (Bund für Lebensmittelrecht und
Lebensmittelkunde) ist in Schulen aktiv; unter anderem mit der
Broschüre „Mit Sicherheit lecker“, die helfen soll, „mit
sachlichen Informationen zum Abbau von Ängsten im Bereich der
Lebensmittel-Verarbeitung beizutragen“. Unter der Überschrift
„Immer up to date: unsere Lebensmittelsicherheit“ heißt es dort:
„Durch (…) wissenschaftliche Entwicklungen sind unsere
Lebensmittel immer sicher. Neue Erkenntnisse werden zudem zügig
in die Praxis umgesetzt. Die Lebensmittelunternehmen entwickeln
immer neue Produktionstechniken, damit unsere Lebensmittel immer
die beste Qualität haben.“ Die Broschüre soll nun laut BLL
überarbeitet werden.

LINK:

E-Mail-Protestaktion von foodwatch gegen Schleichwerbung in der
Schule: www.schule-aktion.foodwatch.de

REDAKTIONELLE HINWEISE:

– Fotostrecke von foodwatch mit Beispielen für suggestives
Unterrichtsmaterial der Lebensmittelbranche zum Download unter:
www.foodwatch.de/material-kinder

– Lehrmaterial von Ritter Sport: http://bit.ly/1MADUfQ, Mappe „Von
der Kakaobohne zur Schokolade“ direkt als pdf:
http://bit.ly/19CJzD1

– Unterrichtsmappe „Bewegte Pause“ von Brandt als pdf:
http://bit.ly/1A9wH11

– Grundschulmaterial von Dr. Oetker: http://bit.ly/1MAGdPU, Mappe
„Komm, back mit!“ direkt als pdf: http://bit.ly/1BqoQxZ

– Kellogg““s-Malvorlage Ernährungspyramide: http://bit.ly/17vlXyk

– Broschüre „Mit Sicherheit lecker!“ des Lobbyverbandes BLL:
http://bit.ly/1EsP14L, direkt als pdf: http://bit.ly/1Bqsg3M

– Analyse des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) von
Unterrichts-Materialien von Wirtschaftsunternehmen (2014):
http://bit.ly/1DEQeaE

– Schulmaterial vom aid Infodienst:
http://www.aid.de/lernen/start.php

Pressekontakt:
foodwatch e.V.
Martin Rücker
E-Mail: presse@foodwatch.de
Tel.: +49 (0)30 / 24 04 76 – 2 90

Kurz-URL: https://www.88news.de/?p=1176441

Erstellt von an 23 Feb 2015. geschrieben in Essen/Trinken. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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