Diplomaten und Wissenschaftler beraten in Ankara über die Verhinderung eines großen Krieges

ANKARA- Die vom Forschungszentrum der World Civilisations Initiative organisierte Alliance Conference to Prevent a Major War brachte am 7. und 8. Juli Regierungsvertreter, Botschafter, Generäle im Ruhestand, Repräsentanten politischer Parteien und Intellektuelle aus 19 Ländern in der türkischen Hauptstadt zusammen.

Unter den Teilnehmern waren Delegierte aus den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Spanien, der Schweiz und Griechenland. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich eine Ausweitung des Krieges verhindern lässt. Zudem berieten die Teilnehmer über eine engere Zusammenarbeit zwischen der Türkei, Russland, China und Iran.

Redner warnen vor wachsender Eskalationsgefahr

Der frühere CIA-Analyst Larry Johnson bezeichnete die Ukraine als besonders gefährlichen Krisenherd. Eine direkte Beteiligung der NATO könnte seiner Einschätzung nach das Risiko einer nuklearen Eskalation erhöhen. Unter bestimmten Umständen könne Russland den Einsatz taktischer Atomwaffen in Betracht ziehen.

Der türkische Konteradmiral im Ruhestand Deniz Kutluk skizzierte mehrere Szenarien für eine Ausweitung des Krieges. Im schlimmsten Fall könnte eine weitere Eskalation zum Einsatz taktischer Atomwaffen gegen europäische Hauptstädte und schließlich zu einem umfassenderen Konflikt führen. Europa und Russland wären Kutluk zufolge mit einer geopolitischen Partnerschaft besser beraten. Stattdessen seien ihre Beziehungen inzwischen von wachsender Instabilität geprägt.

Dimitris Konstantakopoulos, ehemaliger Berater des griechischen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou, warnte davor, dass eine Eskalation in der Ukraine und in Westasien das Risiko einer nuklearen Konfrontation erhöhen könnte. Er forderte eine Politik der Deeskalation und kritisierte, dass nur wenige politische Kräfte in Europa das Ausmaß der Gefahr vollständig erkannten.

Plädoyer für Diplomatie und eine eigenständigere europäische Politik

Die deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot forderte eine Neubewertung der Rolle der NATO und eine rasche Rückkehr zur Diplomatie. Der Konflikt lasse sich ihrer Ansicht nach nicht allein mit dem Vorgehen Russlands erklären. Auch die Beteiligung der NATO und die langfristige Strategie der Vereinigten Staaten hätten zu seiner Entstehung beigetragen.

Guérot bezweifelte zudem, dass Europas derzeitiger Kurs den eigenen Interessen des Kontinents dient. Einen vollständigen militärischen Sieg hält sie für unrealistisch. An die Stelle einer Politik, die den Konflikt ihrer Einschätzung nach verlängert, müsse deshalb diplomatischer Austausch treten.

Javier Hurtado Mira, Präsident der European Democratic Youth Community, warf der Europäischen Union vor, in der Ukrainepolitik keine eigenständige außenpolitische Linie zu verfolgen. Er forderte, sowohl die Rolle der NATO als auch die Entscheidungsprozesse in Brüssel zu überprüfen.

Mira verwies außerdem darauf, dass vor allem jüngere Generationen den menschlichen Preis von Kriegen zahlten. Regierungen müssten Verhandlungen und Dialog Vorrang vor einer Politik geben, die bestehende Spannungen weiter verschärfe.

NATO-Strategie gerät in die Kritik

Der britische Professor Richard Sakwa unterteilte die Entwicklung der NATO in drei Phasen. Seiner Einschätzung nach tritt das Bündnis derzeit in eine neue Phase ein, die er als „NATO 3.0“ bezeichnet. Europa müsse dabei mehr militärische Verantwortung übernehmen. Dies würde es den Vereinigten Staaten ermöglichen, ihren strategischen Fokus stärker auf Regionen außerhalb Europas zu richten, darunter das Südchinesische Meer und Taiwan.

Sakwa zufolge rückt damit zugleich das Ziel erneut in den Mittelpunkt, den Einfluss Russlands zu begrenzen. Die Konferenz in Ankara habe keinen nachhaltigen Ansatz zur Beendigung des Ukrainekriegs hervorgebracht. Der Versuch, Russland vor allem durch militärischen Druck an den Verhandlungstisch zu zwingen, berge vielmehr die Gefahr einer weiteren Eskalation.

Der deutsche Vizeadmiral im Ruhestand Kai-Achim Schönbach, der die Deutsche Marine bis 2022 führte, erklärte, Europa sei einem großen Krieg so nahe wie zu keinem Zeitpunkt seit der Kubakrise. Der Konflikt hätte seiner Ansicht nach möglicherweise verhindert werden können. Als Gründe für die Eskalation nannte er unzureichende Risikobewertungen, Machtpolitik und eine mangelnde Auseinandersetzung mit den historischen Ursachen.

Aus seiner militärischen Erfahrung heraus betonte Schönbach, dass eine auf gegenseitigem Respekt und Gleichberechtigung beruhende Diplomatie weiterhin das wirksamste Mittel sei, um einen größeren Krieg zu verhindern.